Golden Backlist Lesetipp: Willa Cather – Meine Antonia

Im August habe ich mit „Meine Antonia“ von Willa Cather ein Buch gelesen, das die Kriterien der Golden Backlist Challenge erfüllt und das mir dazu noch sehr gut gefallen hat.

In der Golden Backlist Challenge geht es darum, auch älteren, schon vor längerer Zeit erschienenen Büchern ein Forum zu bieten und eben nicht nur über Neuerscheinungen zu sprechen. Das Erscheinungsdatum soll mindestens fünf Jahre zurückliegen und das ist hier in mehrfacher Hinsicht gegeben. Meine Ausgabe ist aus dem Jahr 2009. Im Original ist die Geschichte aber schon 1918 erschienen.

Willa Cather (1873 – 1947) war eine US-amerikanische Schriftstellerin und Journalistin. Sie wuchs in Nebraska auf, wo auch die meisten ihrer Romane angesiedelt sind, und lebte später jahrzehntelang in New York. Zu ihren Lebzeiten war die Pulitzer-Preisträgerin eine der bedeutendsten Schriftstellerinnen der USA.

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„Meine Antonia“ ist der dritte Teil der Prärie-Trilogie, in der Cather das Siedlerleben im 19. Jahrhundert beschreibt. Teil 1 (O Pioneers) und Teil 2 (The Song of the Lark) sind derzeit nicht in deutscher Übersetzung lieferbar. Da die drei Bände zwar eine thematische Einheit bilden, aber nicht inhaltlich aufeinander aufbauen, kann man „Meine Antonia“ problemlos als Einzelband lesen.

Zum Inhalt

Der zehnjährige Jim hat innerhalb eines Jahres seine Eltern verloren und soll nun in der Obhut seiner Großeltern ein neues Leben beginnen. Auch für die fast gleichaltrige Antonia beginnt ein neues Leben. Sie ist die Tochter einer frisch aus Böhmen nach Amerika ausgewanderten Familie. Beide sehen sich erstmals im Zug in ihre neue Heimat nach Nebraska, in das damalige westliche Grenzland Amerikas. In der kargen Steppe siedelten sich Anfang des 19. Jahrhunderts Auswandererfamilien aus Europa an. Weiter nach Westen zogen in der Zeit nur Abenteurer, Glücksritter und Goldsucher. Jim und Antonia werden ihre Kindheit und Jugend gemeinsam auf dem Land verbringen und auch später, als beide in die nächstgelegene Stadt ziehen, noch Kontakt halten. Während Jims Großeltern auf ihrer Farm schon ein bescheidenes aber gutes Leben führen können, müssen die Shimerdas, die für die Überfahrt nach Amerika ihr gesamtes Erspartes ausgegeben hatten, täglich ums Überleben kämpfen bis eine Tragödie sie noch tiefer in den Abgund stürzt und der jungen Antonia viel abverlangt.

Mein Leseeindruck

„Meine Antonia“ hat mich beeindruckt, wie kaum ein anderes Buch in diesem Jahr. In die poetische und bilderreiche Sprache von Willa Cather kann man wirklich versinken und man ist ganz im 19. Jahrhundert in der Prärie gefangen. Die gleichzeitige Schönheit und Kargheit der Landschaft entfalten sich vor dem inneren Auge als ob man direkt neben den Protagonisten stehen würde und die Umgebung mit ihnen gemeinsam betrachtet. Cather nimmt sich Zeit für Landschaftsbeschreibungen und die Schilderung des Alltags der Menschen. Auch das entbehrungsreiche Leben und die großen Opfer, die die europäischen Einwanderer bringen mussten, sind eindrücklich beschrieben.

Ich wollte geradewegs weiter durch das rote Gras gehen und über den Rand der Welt hinaus, der nicht mehr allzu weit weg sein konnte. Die laue Luft um mich herum verriet mir, dass die Welt hier zu Ende war; es gab nur noch die Erde und die Sonne und den Himmel, und wenn man noch ein Stückchen weiterging, würde es nur noch die Sonne und den Himmel geben, und man würde vollends darin aufgehen, wie die gelbbraunen Falken, die über unseren Köpfen dahinsegelten und deren Schatten langsam über das Gras glitten.

In dem harten aber oft handlungs- und ereignisarmen Leben in der Prärie lässt Cather ihren Protagonisten viel Zeit zum Denken und gibt dadurch auch dem Leser Denkanstöße:

Ich verhielt mich so still, wie ich nur konnte. Nichts geschah.  Ich erwartete nicht, dass etwas geschehen würde. ich war da, spürte die Sonne, war wie die Kürbisse, und mehr wollte ich gar nicht sein. Ich war vollkommen glücklich. Vielleicht fühlen wir uns ja genau so, wenn wir sterben und Teil eines großen Ganzen werden, ob das nun sonne ist und Luft oder Güte und Wissen. Dies jedenfalls ist das Glück; aufzugehen in etwas Umfassendem, Großem. Und wenn es über einen kommt, dann kommt es so selbstverständlich wie der Schlaf.

Antonia ist die Hauptperson des Romans, Erzähler der Geschichte ist aber Jim. Diese Erzählperspektive ist meiner Ansicht nach sehr geschickt gewählt. Einerseits bietet sie eine gewisse Distanz zu der Person Antonia und ihrem Schicksal, andererseits entsteht aber wiederum eine Nähe dadurch, dass Jim immer Antonias Gegenwart und Freundschaft sucht.

Dass „Meine Antonia“ mit den Buddenbrooks, Madame Bovary und Anna Karenina verglichen wird, kann ich absolut nachvollziehen. Willa Cather erzählt als Zeitzeugin am Beispiel einiger Familien die Geschichte eines ganzen Landes in einer prägenden Epoche – absolut lesenswert!!

Verlagsseite zu „Meine Antonia“

btb 2009
319 Seiten

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