Gelesen – Oktober 2017

Ein Familienroman mit zeitgeschichtlichem Hintergrund und ein autobiografisch geprägter Roman standen auf meiner Leseliste im Oktober. Beide haben mir gut gefallen.

Bettina Storks – Das Haus am Himmelsrand

Kurz vor seinem Tod bittet der Patriarch einer Freiburger Uhrenfabrik seine Enkelin Lizzy darum, für Gerechtigkeit zu sorgen. Er schickt sie zum Feriendomizil der Familie nach Frankreich, dort soll sie nach alten Dokumenten suchen. Bevor Lizzy ihren Großvater noch fragen kann, was genau sie für ihn tun soll, verstirbt der alte Mann.

Lizzy beginnt nachzuforschen, was er wohl gemeint haben könnte und taucht dabei tief in die Familiengschichte ihrer Großelterngeneration zur Zeit des Nationalsozialismus ein. Der Wunsch nach Gerechtigkeit muss mit einem ehemals leitenden Mitarbeiter der Uhrenfabrik, der diese in den 1930er Jahren verlassen musste, und dessen Kindern zu tun haben…

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„Das Haus am Himmelsrand“ ist eine spannende, gut und anspruchsvoll unterhaltsam geschriebene Familiengeschichte. Orte und Charaktere sind gut herausgearbeitet und die Geschichte schlüssig und doch mit einigen überraschenden Wendungen erzählt. Die Verbindung von Ereignissen der Vergangenheit mit der Familie der Gegenwart ist gut gelungen.

Mit der Protagonistin konnte ich jedoch nicht wirklich warm werden. Im Roman wurde sie von ihrer Familie für ihr Vorgehen und ihr Verhalten oft kritisiert und ich konnte mich dieser Kritik durchaus anschließen. In meinen Augen bleibt die Frage offen, ,ob sie wirklich für ihre Familie und ihren Großvater gehandelt hat, oder doch nur für ihr eigenes Ego. Bei Büchern ist es manchmal wie im echten Leben. Manche Leute mag man und manche eben weniger. Trotzdem, das Buch habe ich sehr gerne gelesen und kann es sehr empfehlen.

464 Seiten, Taschenbuch, Berlin Verlag, 2015

Deborah Feldman – Unorthodox

Deborah Feldman wächst in der ultraorthodoxen chassidischen Satmar Gemeinde im Stadtteil Williamsburg in New York auf. Die Gemeinde gilt als eine der strengsten und reglementiertesten jüdischen Gemeinden weltweit. In „Unorthodox“ beschreibt Feldman ihre persönlichen Lebenserfahrungen von einer eingeschränkten und gegen alles Äußere verschlossenen Kindheit bei ihren Großeltern, über eine arrangierte Ehe bis es ihr schließlich gelingt, sich als junge Erwachsene langsam zu befreien.

Schon als Kind sucht und genießt sie kleine Fluchten, wie Besuche in Buchhandlungen und Bibliotheken sowie das heimliche Lesen von für sie verbotenen Büchern. Dass Bildung Freiheit bedeuten kann, ahnt sie schon früh. Gleichberechtigung oder gar Unabhängigkeit sind in den von der Außenwelt isolierten Stukturen und Denkweisen dieser fast schon radikalen Gemeinde undenkbar und gerade deshalb versucht die Autorin, sich dagegen aufzulehnen.

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Deborah Feldman erzählt ihre Geschichte in einem neutralen, fast emotionslosen Tonfall und gerade dadurch sind ihre Schilderungen so berührend. Sie öffnet den Lesern eine nach außen hermetisch abgeschlossene Welt einer strengen Religionsgemeinschaft und gibt auch Einblicke in traditionelle jüdische Lebensweisen und Rituale.

Der Schreibstil der Autorin überzeugt dadurch, dass sie immer Tonfall des jeweiligen Alters trifft. Sie entwickelt den Stil von kindlicher Unbedarftheit am Anfang bis zu beginnender Abgeklärtheit und steigendem Selbstbewußtsein als junge Frau am Ende des Buches.

„Unorthodox“ ist ein einzigartiger, interessanter und sehr persönlicher Einblick in eine verschlossene Welt und den Weg aus ihr heraus – sehr lesenswert!
319 Seiten, gebunden, Secession Verlag für Literatur, 2016
(auch als Taschenbuch bei btb erschienen)

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